1. Die australische Namenwelt
Australien hat eine weite Fülle an Ortsnamen, allein schon seiner
Größe wegen. Nach einer Schätzung von 1990 gibt es über vier Millionen
“placenames“, Namen für Siedlungen, Berge, Seen, Gewässer und andere Örtlichkeiten,
im Land.[2]
Die ersten europäischen Seefahrer erreichten den
Inselkontinent im frühen 17. Jahrhundert und brachten rudimentäre Karten und
einige Ortsnamen zurück nach Europa. Als die Europäer zweihundert Jahre später
auch begannen, dass Landesinnere in Besitz zu nehmen, entstand eine ganz eigene
Mischung von europäischen Toponymen und Namen aus den Sprachen der Ureinwohner,
der Aborigines.
1.1 Die Ureinwohner, ihre Sprachen und ihre Namen
Seit mindestens 40.000 Jahren lebten Menschen auf dem
Kontinent. Lange Zeit waren die Ureinwohner Australiens von anderen Völkern
abgeschnitten, daher entwickelten sich ihre Sprachen auch unabhängig.[3]
Verwandtschaft mit anderen Sprachen nachzuweisen, ist schwierig. Von den geschätzten
200 Sprachen, die um 1788 von den Ureinwohnern gesprochen wurden und die oft
mehrere Dialekte umfassten, sind die meisten bereits verschwunden
[4] - mit vielen ihren Sprecher. Mit der Ankunft der Europäer wurden die
Ureinwohner immer weiter verdrängt. Auf dem Tiefpunkt zwischen den Jahren 1788
und 1981 war die Zahl der Aborigines um 77% zurückgegangen.
Die räumliche Trennung von Land und Bewohnern resultierte
auch im Verlust von Ortsnamen. Etliche der über Jahrhunderte von Aborigines
verwendeten Namen, die nicht aufgezeichnet oder von den europäischen Siedlern
aufgegriffen wurden, sind verloren. Die Ureinwohner entwickelten keine
Schriftsprache, alles wurde mündlich tradiert. „Aboriginal names“ im
heutigen Namenschatz Australiens wurden ins englische Laut- und Schriftsystem
eingepasst.
Die so festgehaltenen Toponyme sind aber mehrheitlich leicht
zu identifizieren: Namen mit vielen offenen Silben, reich an Vokalen [o], [u],
[a], [i] und mit melodischem Klang. Zu den bekanntesten gehören Wollongong,
Wagga Wagga („many crows“, beides Städte in New South Wales), Geelong
(Stadt in Victoria) und das Wahrzeichen Australiens, der Felsen Ularu (wahrscheinliche
Bedeutung „heulen“).[5]
Zu Beginn der weißen Besiedlung wurde den Ortsnamen der
Aborigines von offizieller Seite keine Bedeutung geschenkt. Erst 1829
veröffentlichte der Generalbevollmächtigte der Landvermessung, Surveyor-General
Thomas Mitchell, Richtlinien zur einheitlichen Erfassung dieser Namen.
[6]
Die Linguistik zeigte einhundert Jahre später Interesse für
die Sprachen der Ureinwohner, als bereits etliche Stämme um die großen Städte
herum verschwunden waren. Daher existieren für viele Sprachen nur
bruchstückhafte Aufzeichnungen und die Toponymen zugeordneten Bedeutungen
beruhen oft mehr auf Hörensagen denn auf Forschung.[7]
Aus mehreren Gründen unterscheiden sich die Ortsnamen der
Ureinwohner auch inhaltlich stark von Namen der westlichen Welt. Am schwersten
wiegt dabei, dass die Aborigines Jäger und Sammler waren und nomadisch lebten.
Dauerhafte Siedlungen gab es nicht, deshalb brachten sie auch keine
Siedlungsnamen hervor. Namen für Wege kommen i.d.R. ebenfalls nicht vor.[8]
Toponyme, die Bezug auf lebende oder tote Personen nehmen,
können im Namenschatz der Ureinwohner auch keinen Platz haben. Der Gebrauch von
Eigennamen unterliegt strengen Restriktionen, die es z.B. nicht erlauben, Namen
von Verstorbenen auszusprechen.[9]
Selbst die Verwendung von Namen mythologischer Figuren als Toponym ist nicht eindeutig
belegt.[10]
Nur bei wenigen Ortsnamen der Ureinwohner ist die Herkunft
aus ihren Sprachen nicht offensichtlich. Der Name einer Bucht bei Maryborough
ist von dem Wort Tin-kun abgeleitet, das ein engblättriges
Strandfarngewächs bezeichnet. Der Ortsname wurde von Siedlern volketymologisch
zu Tin Can Bay, Blechbüchsenbucht, umgedeutet.[11]