2.1 New South Wales und Victoria
[33]
Phillip Schäfer und August Heinrich Alt, beide Hessen, waren
wohl die ersten Deutschen in der Kolonie New South Wales. Sie landeten 1788 mit
der Ersten Flotte, Schäfer war deren Supervisor, in der Botany Bay. Alt wurde
Sydneys erster Surveyor-General und trug maßgeblich zur Gestaltung der frühen
Siedlung bei.
[34]
Bis die Deutschen zu Tausenden kamen, sollte noch ein halbes
Jahrhundert vergehen. Unter den in den 20-ern und 30-ern von privaten
Unternehmen nach Australien gebrachten Arbeitskräften befanden sich zwar einige
Deutsche, v.a. Schäfer und Weinbauern, aber erst mit den Bemühungen Wilhelm
Kirchners kam eine Auswanderungswelle in den Osten Australiens ins Rollen.
Der in Frankfurt geborene Geschäftsmann kam 1839 nach
Sydney. 1840 wurden Sträflingstransporte nach New South Wales eingestellt.
[35]
Bald brauchte die Kolonie dringend Arbeitskräfte und Kirchner begann, eine Idee
an Unternehmer und die Regierung heranzutragen: subventionierte Einwanderung
deutscher Familien nach New South Wales. Dabei sollte ihnen ein Jahreseinkommen
von 20-25£ garantiert sein. Mit dieser Idee wurde er als Einwanderungsagent der
Kolonie 1848 nach Deutschland geschickt. Auf der Überfahrt schrieb er an
„Australien und seine Vortheile für Auswanderer“ und bereits im Dezember des
selben Jahres war das erste Schiff mit deutschen „assisted migrants“ unterwegs
nach Australien. Vier weitere folgten 1849. Ab 1850 verließ die Mehrzahl der
Auswanderer Deutschland über den Hamburger Hafen und bis 1853 gingen etwa 2.000
Deutsche in Sydney von Bord.
[36] Angezogen wurden
v.a. hessische und baden-württembergische Immigranten, ab Mitte der Fünfziger,
der Zeit der Goldsucher, kamen dazu vermehrt Ostpreußen nach New South Wales [37]
Aber schon bevor die deutsche Masseneinwanderung begann, gab
es deutsche Ortsnamen. Wells berichtet bereits 1848 vom Anwesen des Thomas
Holt, einige Kilometer von Liverpool (einem Vorort Sydneys), das den Namen Sophienburg trägt[38]
und wohl nach einem gleichnamigen Ort bei Münster benannt ist.[39]
Der Name des noch bestehenden San Souci Park ist von einem ehemaligen Vorort Sydneys San Souci abgeleitet. Dessen Ursprung liegt in einem weiteren Anwesen des selben Thomas Holt und dessen
deutschstämmiger Frau, das nach dem Palais bei Potsdam benannt wurde.[40]
Der Wollhändler wuchs im Yorkshire, England, auf, erlernte sein Handwerk in
London, lebte aber einige Jahre in Deutschland, bevor er 1842 als 31-jähriger
nach Australien kam.[41]
Auch in Victoria wurde in den späten 1840-ern versucht,
Programme der „assisted migration“ umzusetzen.
Doch auch hier gab es erste deutsche Ortsnamen bereits bevor
die Masseneinwanderung begann. Heute ein Stadtteil Melbournes, lag 1848 noch
sieben Meilen von dieser Stadt entfernt Heidelberg, das seinen Namen wahrscheinlich von Richard Henry Brown bekam, der das Land verkaufen
solllte.[42] Bereits davor wurde
der Ort Carlsruhe benannt. Er soll seinen Namen von Charles Hotson Ebden, der in Südafrika geboren wurde und eine Ausbildung in
England und Karlsruhe, Deutschland, genoss, bekommen haben. Er kam um 1837 in
das Gebiet.[43]
Die Aussicht auf schnellen Reichtum ließ die Bevölkerungszahlen
Victorias zwischen 1850 und 1860 in die Höhe schnellen, von 77.000 auf 540.000[44].
Der Goldrausch zog in den 1850-ern viele, auch viele Deutsche, auf die
Goldfelder - und nicht nur Neu-Einwanderer. Schäfer verließen ihre Herden,
Handwerker ihre Werkstätten, Schiffsbesatzungen desertierten mit Hacke und Spaten.
In New South Wales führten frühere Goldfunde zu ähnlichen Erscheinungen, wenn
auch nicht im selben Umfang. So stellte der Goldrausch nicht nur einen
Pullfaktor in sich selbst dar, sondern führte auch zu einer erneuten
Arbeitskräfteknappheit. Dies ließ Kirchner abermals nach Deutschland
zurückkehren, um weitere Siedler anzuwerben. Die Hälfte der 4.000, die zwischen
1854 und 1857 Australien erreichten, kam als von ihm geworbene „assisted
migrants“. Als Arbeitskräfte galten sie als zuverlässiger, denn Kirchners
Programm zielte auf die Ansiedlung ganzer Familien, nicht Einzelner.[45]
Das Ende der 50-er bedeutete in New South Wales und Victoria
auch das Ende der subventionierten Einwanderung, nicht aber der Einwanderung
Deutscher. Bekannte und Verwandte bereits Ansässiger, weitere Goldsucher und
Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen kamen in stetigen Zahlen
bis zur Jahrhundertwende.
In beiden Kolonien zusammen zählte der Zensus in den Jahren
1861 und 1901 etwa 16.000 Deutschstämmige.[46]
Umbenannt wurden im Zuge des Ersten Weltkrieges je drei Orte
in New South Wales und Victoria, aber nur zwei der Namen waren deutsche
Ortsnamen im eigentlichen Sinne. Mount Bismarck, nahe Melbourne, wurde zu Mount Kitchener und Hochkirch im Südosten Victorias wurde in Tarrington umbenannt. Der dritte Ort in Victoria heißt heute Grovedale
und hieß vor dem Ersten Weltkrieg Germantown.
Ein Vorort Melbournes Coburg, wohl nach dem Duke of Edinburgh, der auch Herzog von Sachsen-Coburg war,
[47]
sowie Steiglitz, Mount Steiglitz und Steiglitz Creek[48]
haben noch Bestand. Die Namen Steiglitz gehen dabei
wahrscheinlich auf die Brüder von Stieglitz zurück. Die Söhne eines
Deutschen und einer Engländerin betrieben zunächst erfolgreich Viehzucht in
Tasmanien, kamen aber 1836 nach Victoria.
[49]
Blake listet für Victoria außerdem Altona und Altona Bay, den Parish Bonn, Lubeck (von Lübeck), und ein Tal Zumstein, für das der Ort Zum Stein bei Biberach in Württemberg[50]
als Basis einer Namenübertragung in Betracht kommt. Rheola soll bis 1875
Berlin geheißen haben.[51]
In New South Wales wurden German Creek, Germans Hill und Germanton umbenannt. Daraus wurden Empire Vale, Lidster und Holbrook.
Die Orte Linden, in den Blue Mountains, und Pyrmont, ein Vorort Sydneys, benannt nach Bad Pyrmont bei Hannover, haben noch Bestand.
[52]