4 Diskussion
Diese Liste der Ortsnamen Queenslands mit deutschen Elementen
gibt mit Sicherheit deren Großteil wieder, obwohl ein Anspruch auf
Vollständigkeit hier nicht bestehen kann. Einige Toponyme (Linden, Hotzfeld
Creek, Weinert Creek sowie einige Parishes) konnten nicht aufgenommen
werden, weil, außer einem starken Verdacht auf deutsche Wurzeln, keine
Anhaltspunkte gefunden werden konnten, die diese Vermutung hinreichend stützen.
Andere mögen nur so kurze Zeit Bestand gehabt haben, dass sie in den verwendeten
Quellen nicht auftreten.
Doch selbst so ist diese Zusammenstellung um ein Vielfaches
länger, als die der umbenannten Orte in Reynolds Überblick. Einige Orte
erlebten einen Namenwechsel bereits vor dem Ersten Weltkrieg, andere haben noch
Bestand. So wurden während des Ersten Weltkrieges keineswegs alle Orte mit
deutschen Namen in Australien umbenannt.
Reynolds listet 15 Einträge für Queensland: Bergen, Bergenside, Bismarck, Engelsburg, Fahley, Gehrkevale, Gramzow, Hapsburg, Hessenburg, Kirchheim, Marburg, Minden, Roessler, Stegeht und Teutoberg. Zunächst fällt auf, dass hier gegenüber seiner
Aufstellung Fahley fehlt. Der Ort in der weiteren Umgebung Dalbys wurde
zwar 1916 in Kilbirnie umbenannt, hieß davor aber tatsächlich Zahley.
Ein Nachweis über deutschen Ursprung dafür konnte nicht erbracht werden.
[174]
Ein weiterer Unterschied ist der bei Reynolds (und in vielen Internetquellen)
auftauchende Ort Stegeht, bei dem es sich um das zu Woongoolba umbenannte
Stegelitz handelt. In amtlichen Verzeichnissen trat der Name im frühen 20. Jahrhundert für gewöhnlich in der Schreibung <Stegelit> auf,[175]
so dass es sich bei Stegeht um eine Verlesung handelt, die 1926 Eingang
in das Jahrbuch des Commonwealth of Australia fand und in dieser Form auch in
ein vielzitiertes Buch Lodewyckx’ übernommen wurde.[176]
Demgegenüber befindet sich unter den im Queensland-Kapitel
gelisteten Toponymen ein weiteres, dass ebenfalls zur Zeit des Ersten
Weltkriegs umbenannt wurde, und das letztlich deutsche Ursprünge hat: Friezland.
Auch in den anderen Bundesstaaten, selbst im dünn besiedelten
Northern Territory und in Western Australia, die kaum deutsche Einwanderung
erfuhren, entstanden deutsche Ortsnamen. Auch dort wurden nicht alle umbenannt.
Viele in Victoria blieben unangetastet, einige bestehen noch in Tasmanien,
Western Australia und New South Wales, ebenso viele Ortsnamen fernab von dicht
besiedelten Räumen. In diesen Staaten, so ist anzunehmen, sind bei genauer
Suche weitere deutsche Ortsnamen auffindbar.
Die meisten dieser Ortsnamen entstanden nach Einsetzen der
deutschen Massenmigration in die einzelnen Kolonien, in Südaustralien ab 1838,
in New South Wales und Victoria nach 1848 und in Queensland ab den späten
1860-ern.
Die Deutschen waren frühzeitig an der Besiedlung beteiligt.
Südaustralien war als eigene Kolonie gerade zwei Jahre zuvor entstanden, in
Queensland begann die Masseneinwanderung von Engländern bald nach ihrer Bildung
1854, nach New South Wales kamen sie v.a. in den 1830-ern. In diese Kolonien
wanderten Deutsche zu Tausenden ein. Oft siedelten sie sich auch zusammen an.
Wo das der Fall war, konnten deutsche Ortsnamen entstehen. Andere gehen aber
auf Einzelne oder auf einzelne Familien zurück, die ihrem Besitz einen
deutschen Namen gaben, der als amtlicher Ortsname erhalten blieb. Dass etliche
Höfe deutsche Namen trugen, die nicht in die offizielle Namenwelt übernommen
wurden, ist wahrscheinlich.
Auch wenn es viele deutsche Ortsnamen in Australien gibt
bzw. gab, sind es prozentual sehr wenige. Gemessen an allen Ortsnamen
Queenslands, entsprächen die hier vorgestellten Ortsnamen mit deutschen
Elementen in diesem Staat, auch wenn sie nicht umbenannt worden wären, nicht
einmal einem Prozent. Selbst wenn eine genauere Untersuchung der Ortsnamen in
den anderen Bundesstaaten weitere mit deutschen Wurzeln ans Licht fördern
würde, wäre auch dort ein ähnlich kleiner Anteil wahrscheinlich. Nach Ortsnamen
aus den Sprachen der Ureinwohnern und nach englischen Toponymen sind die
Ortsnamen, die deutsche Elemente enthalten, dennoch die drittgrößte Gruppe von
Toponymen auf dem Inselkontinent, zumindest in den östlichen Bundesstaaten.
Doch obwohl die meisten als Folge der Massenmigration
entstanden, kamen zumindest einige deutsche Ortsnamen früher oder unabhängig
davon auf.
An englischen Unternehmungen waren vereinzelt Deutsche beteiligt,
und das bereits mit Beginn der weißen Besiedlung des Kontinents. Deutsche
Forscher arbeiteten auf dem Kontinent bevor die Masseneinwanderung begann.
Deutsche Ortsnamen, dann zumeist aus Personennamen, resultierten daraus.
Vereinzelt wurden deutsche Ortsnamen sogar durch Engländer
nach Australien übertragen. Die Beispiele Carlsruhe in Victoria, San
Souci und Sophienburg, verdeutlichen, dass die Namengeber aus
wohlhabenden Familien zwar eine persönliche Verbindung zu Deutschland hatten,
aber Briten waren. Auch diese Namen entstanden, bevor die deutsche
Masseneinwanderer begann. (Ein weitere, spätere Übertragungen eines deutschen
Ortsnamens nicht durch einen deutschen Zuwanderer ist Heidelberg in Western Australia, das seinen Namen von George Henry Palmateer bekam.)
Der Ort Steiglitz bei Melbourne bekam seinen Namen
wohl in den späten 1830-ern.[177] Die Brüder von
Stieglitz, auf die er zurückgeht, waren lediglich zur Hälfte deutscher
Abstammung. Ihre Mutter war Engländerin, ihr Vater, H. L. Stieglitz, war
Deutscher. Er wurde 1762 in Schneeberg geboren, arbeitete für den Sächsischen
Hof und lebte später in England, wo er auch starb.[178]
Ebenso sind die Coburg-Namen kein Indiz für Deutsche. Sie entstanden aufgrund der engen Verknüpfung des englischen Königshauses
mit dem Adelsgeschlecht der Sachsen-Coburger, und sind somit sekundäre
Übertragungen des Ortsnamens.
An der Entstehung einiger deutscher Runnamen, die später auf
Siedlungen oder Räume übergingen, müssen Deutsche ebenfalls nicht ursächlich
beteiligt gewesen sein. Zwar lässt sich im Einzelfall nicht sagen, ob ein
solcher Name mit englisch- oder deutschsprachigen Einwanderern aufkam, aber im
Falle von Namenübertragungen ist - wenn zu einem Ort kein englisches Exonym
existiert - die Annahme eines Deutschsprechers umso weniger zwingend, je höher
der Verkehrswert der Übertragungsbasis war. Die Runs Berlin oder Dresden können ihre Namen ebenso gut von deutschen Viehhaltern bekommen haben, wie von Engländern, denen die Orte bekannt waren.
So belegen diese Fälle, dass deutsche Ortsnamen in
Australien bereits entstanden, bevor die Deutschen dorthin emigrierten. Sie
sind das Ergebnis bestehender enger gesellschaftlicher Bindungen zwischen
Engländern und Deutschen.
Deshalb ist allein das Auftreten einiger isolierter
deutscher Ortsnamen in Australien nicht Beweis für die Anwesenheit deutscher
Siedler. Nur dort, wo man sie gehäuft findet, dokumentieren sie die deutsche Zuwanderung.