4.1 Ortsnamen nach ihrer Motivation
Dutzende deutsche Ortsnamen entstanden mit der
Masseneinwanderung Deutscher in Südaustralien und in Queensland. Zumindest
einige sind für die anderen Staaten belegt. Den Ortsnamen, die mit den Siedler
auf den Kontinent gelangten, liegen im wesentlichen drei Motivgruppen zugrunde:
Sie wurden von den Einwanderern vollständig aus appelativischem Wortmaterial
gebildet, sie beruhen auf Personennamen, oder sind Ortsnamen, die von Orten aus
ihrer Heimat übertragen wurden.
4.1.1 Namenübertragung
Es war zu erwarten, dass in Australien eine Fülle
übertragener Ortsnamen vorhanden ist, englische sowohl als deutsche. Gehäufte
Namenübertragung, also die bewusste Wahl bereits anderswo existierender
Toponyme als Namen für Orte oder als Teile neuer Namen, sind regelmäßige
Begleiterscheinungen von Wanderungen.
Die Zahl aller erwähnten Ortsnamen, die nicht auf
Personennamen beruhen und Vergleichsnamen in Deutschland haben, somit
potentiell als Übertragungen in Betracht kommen, ist hoch, über 60.
Zu einigen Orten existieren mehrere Vergleichsnamen, so dass
sich nicht mit Gewissheit bestimmen lässt, welcher davon Basis der Übertragung
war.
Doch auch das Vorhandensein von Vergleichsnamen ist im
Einzelfall noch nicht Beweis genug, dass ein Name tatsächlich übertragen wurde.
Wenn es sich um Komposita aus gängigen Elementen handelt (z.B. Neudorf), ist nicht auszuschließen, dass Eigenschöpfungen vorliegen.[179]
Gerade aber dass es zu so vielen Ortsnamen Vergleichsnamen
gibt, spricht dafür, dass Namengebung durch Übertragung unter den Deutschen so
produktiv gewesen ist, dass Eigenschöpfungen die Ausnahme waren.
Übertragene Namen sind generell geeignet, Aufschluss über
die Herkunftsgebiete der Zuwanderer zu geben, einige präzise, andere eher vage.
Besonders bei übertragenen Ortsnamen, deren Pendant im
Herkunftsgebiet eine kleine Siedlung mit geringem Bekanntheitsgrad bezeichnet,
kann angenommen werden, dass es sich um einen Namen handelt, den ehemalige
Einwohner dieses Ortes mitbrachten. Gesichert ist die Herkunft der Siedler von Gramzow und Stegelitz in Queensland, sowie Klemzig in Südaustralien aus gleichnamigen deutschen Orten. Der Ausgangspunkt ihrer Wanderung ist genau bestimmbar. Verbundenheit mit dem kleinen Dorf, das ihnen jeweils
Heimat war, besteht wohl nur bei ehemaligen Bewohnern.
Zweifellos verfügte der deutsche Ort Prenzlau über einen höheren Verkehrswert als die eben angeführten. Auch dieser Ortsname
wurden übertragen und auch hier ist bekannt, woher die Namengeber kamen: nicht
aus dem Ort, sondern aus dem Umland. Seehausen und Wallmow, die Herkunftsorte
der beiden Gründerfamilien, liegen je etwa 20 Kilometer entfernt. Eine Verbundenheit
mit Prenzlau kann zwar bestanden haben, etwa als Geburtsort, aber auch die Wahl
des nächstliegenden größeren Ortes als Übertragung aufgrund eines weiter
gefassten Heimatbegriffs ist denkbar.
Unter weiteren Namen, die Herkunftsgebiete vermuten lassen,
sind Siegersdorf und Schreiberhau. Sie deuten auf Schlesien hin. Lübeck und Altona in Victoria können Zuwanderung aus dem Norddeutschen Raum vermuten lassen. Zumstein im selben Staat, Carlsruhe und Heidelberg in Südaustralien unterstreichen die Herkunft einiger Siedler aus dem deutschen Südwesten. Heidelberg
ist besonders auffällig. Der Name dieses sehr prominenten Ortes in
dem Gebiet der höchsten Abwanderung in Deutschland wurde vier Mal unabhängig voneinander nach Australien
getragen. In der Neuen Welt und in den Kolonialgebieten soll es den Namen 25
Mal gegeben haben.[180]
Anhand der übertragenen Ortsnamen lassen sich generell
bestimmte Herkunftsgebiete der Abwanderer vermuten. Je geringer dabei der
Bekanntheitsgrad des Ausgangsortes ist, desto genauer ist die Herkunft der
Zuwanderer bestimmbar. Jedoch sind auch andere Motive als die eigene Herkunft
denkbar.
Weitaus überzeugender können Ortsnamen Abwanderungsgebiete
veranschaulichen, wenn sie in Namenfeldern auftreten. Dabei ist die
Wahrscheinlichkeit, dass darunter Ortsnamen sind, die ohne direkten Bezug der
Siedler zur Übertragungsbasis entstanden, minimiert. Namenfelder, mehrere
Namenübertragungen benachbarter Orte in relativ begrenztem Gebiet[181],
lassen sich in Queensland und im Raum Adelaide zweifelsfrei feststellen.
Aus einem Umkreis von 40 Kilometern wurden Prenzlau, Stegelitz, Templin und Gramzow in den Südosten Queenslands übertragen, wo sie etwa bis zu 100 Kilometer auseinanderliegen ( Abbildung 14, vgl. Abbildung 6, S.44). Zwar gibt es insgesamt drei Orte Gramzow im ehemaligen Preußen, doch die Lage eines der in Frage kommenden und die zeitliche Nähe der Überfahrt des August Fischer 1865 aus Gramzow und der Familie
Kleinschmidt aus Stegelitz 1864 sind Indiz dafür, dass es sich um eine
Übertragung des uckermärkischen Ortsnamens handelt. Auch in Queensland liegt
das Aufkommen ihrer Namen zeitlich dicht beieinander. Das die Uckermark
Herkunftsgebiet vieler Siedler war, verdeutlichen die Hamburger Passagierlisten
immer wieder, nun auch die Toponymie.
Ebenso ist für Südaustralien bekannt, dass die deutsche
Migration dorthin in Klemzig, Schlesien, begann. Langmeil lag unmittelbar benachbart, Grünberg war eine nahe gelegene Stadt (Abbildung
15., vgl. Abbildung 4). Auch hier liegt eine Gruppe übertragener Namen vor.
Nicht um einen übertragenen Namen, wie Reynolds vermutet,
handelt es sich bei Bergen. Der Namenwandel, den der Ort erlebte, ist zwar auf die deutschen Bewohner zurückzuführen, mit denen er bewusst
oder unbewusst an vertraute Ortsnamen angeglichen, germanisiert wurde. So
entstand ein Siedlungsname, der homonym zu mehreren Ortsnamen in Deutschland
ist, für den aber keiner davon als Basis einer Namenübertragung fungiert.

Abbildung 14: Die Orte Prenzlau, Templin, Stegelitz und Gramzow in Brandenburg.

Abbildung 15: Klemzig, Langmeil und Grünberg in Schlesien.