Onomastik.com - Namen und Namensbedeutung  

4.1.2 Ortsnamen aus Personennamen

Ortsnamen, die als deutsche oder englische Bildung auf einen deutschen Personennamen zurückgehen, sind die zweithäufigste Erscheinung unter allen vorgestellten deutschen Ortsnamen.

Dabei kann zunächst grob in zwei Gruppen unterscheiden werden: a) Toponyme aus den Namen von nicht ansässigen Personen und Persönlichkeiten und b) Toponyme aus den Namen von zur Zeit der Bildung Ansässigen.

Während für die Gruppe b) eine enge Verbundenheit mit einem begrenzten Gebiet anzunehmen ist, ist für Gruppe a) nicht einmal ein direkter Bezug zu Australien zwingend, wie Humboldt und Bismarck belegen. Die Toponyme Humboldt für ein Gewässer, County, Parish und eine Locality beruhen aufeinander, liegen dicht beieinander und haben letztlich den selben Ursprung in den Runnamen. Zwei Ortsnamen Bismar(c)k in Queensland und weitere in Tasmanien, New South Wales, Western Australia und Südaustralien entstanden jedoch unabhängig voneinander, was vor allem die Beliebtheit Bismarcks unterstreicht

Ebenfalls zur Gruppe a) gehören viele Toponyme, für die Namen von Forschern Pate standen, u.a. die Leichhardt-Namen. Die Verewigung seines Namens in Toponymen fügt sich ganz in die Tradition australischer Namengebung ein. Doch die hier aufgenommenen fünf Ortsnamen sind tatsächlich nur ein geringer Teil aller von diesem Personennamen abgeleiteten Toponyme in Queensland. Es gibt mehr als 30, allein 17 Leichhardt Creeks, auch Wasserfälle, Sümpfe, und Lagunen, doch entstanden alle Leichhardt-Toponyme nach seiner Rückkehr. Obwohl er auf seiner Expedition selbst Dutzende Benennungen vornahm, vergab er seinen eigenen Namen nicht. Unter den von ihm benannten Orten finden sich v.a. die Namen seiner Reisegefährten, sowie die von Sponsoren und Unterstützern,[182] darunter auch der eines Deutschen, den er aber erst in Australien kennen lernte, Wilhelm Kirchner. Kirchner Range ist tatsächlich der Einzige, der nach den aufgestellten Kriterien als deutscher Ortsname anzusehen ist. Auch er gehört in die Gruppe a).

Die Ortsnamen dieser Gruppe erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die Anwesenheit Deutscher, sondern sind Indikatoren für die Benennung aus einer bestimmten sozialen Gruppe heraus. Oft sollte eine Verbundenheit zwischen dem Namengeber und der Person, die dem Ortsnamen Motiv war, ausgedrückt werden. So waren Forscher wie Ferdinand von Müller, August Petermann oder Graf Waldburg-Zeil (Ferdinand Creek, Mount Ferdinand; Petermann Range; Waldburg Range, Mount Zeil) in erster Linie Vorbilder für ihre Kollegen, die Passagiere der „Zebra“ fühlten sich ihrem Kapitän Dirk Hahn zu Dank verpflichtet (Hahndorf) und Leichhardt all seinen Unterstützern. Eine Verbundenheit von Bismack bestand v.a. zum deutschen Volk, weshalb bei diesen Orten die Benennung durch Deutsche überaus wahrscheinlich ist.

Die Vertreter der Gruppe b) sind zahlreicher. Mit Toponymen dieser Gruppe wurde ein Benennungsbedürfnis durch die Verwendung des Namens einer in der Umgebung beheimateten Person gestillt. Es ist dabei davon auszugehen, dass diejenige Person an der Örtlichkeit auffällig war, entweder durch Nutzung (z.B. Roessler, Zillmann’s Waterhole), Gründung (Gehrkevale), räumliche Nähe (Riebstein Creek, Bahr’s Hill) oder eine zentrale Stellung im wirtschaftlichen oder öffentlichen Leben einer Gemeinschaft (Engelsburg, Blumbergville), oft war es wohl eine Mischung mehrerer Faktoren.

Alle Namen, die auf den eingewanderten Philip Friedrich Sellheim zurückgehen, gehören ebenfalls hierher. Obwohl mehrere Ortsnamen weit auseinanderliegend und unabhängig voneinander entstanden, war er jedes Mal in der Umgebung ansässig, wahrscheinlich als einer der Ersten.

4.1.3 Namenschöpfung

Über die jüngere Ostsiedlung, die zeitlich etwa mit der Wanderung Deutscher nach Australien zusammenfällt, schreibt A. Bach, dass die dabei entstandenen Ortsnamen „großenteils den Stempel des Kunstprodukts an der Stirn tragen.“ Mit bewusst geschaffenen „Wunschnamen“ wurden Wünsche und Hoffnungen für die neue Siedlung ausgedrückt. Unter den Ortsnamen der Ukraine gäbe es u.a. ein Blumendorf, Freudenfeld, Glückstal, Hoffnungstal, Schönfeld, Gnadenheim.[183]

Häufig sind solche Namen in Australien keinesfalls. Als Wunschname ist wohl Hoffnungsthal in Südaustralien zu verstehen. Aber zu drei anderen Namen, die analog zu obigen Beispielen als Wunschnamen in Betracht kämen, Blumenthal, Lobethal und Schöntal, gibt es Vergleichsnamen in Deutschland. Für diese ist eine Namenübertragung zunächst genauso wahrscheinlich, wenn nicht, aufgrund der hohen Anzahl weiterer Übertragungen, sogar überzeugender.

Wunschnamen sind Beispiele für die Möglichkeit, Grund- und Bestimmungswörter frei zu Ortsnamen zu kombinieren. In der jüngeren Ostsiedlung, so Bach, wurden Grundwörter –tal, -berg, -feld usw. semantisch entleert und mechanisch zusammengesetzt, und zwar recht häufig.[184] So auch in Australien, zumeist jedoch mit Personennamen, selten mit Appelativen. Mit einiger Verlässlichkeit geschah das nur bei dem Ortsnamen Oliventhal.

Es ist denkbar, dass einige der weitere Ortsnamen in Australien als eigene Schöpfung entstanden: Rosenthal, Steintal, Blumberg, Neudorf etwa. Auch für diese kommt die Bildung „aus vorher gegebenem Vorrat an Wörtern“[185] in Betracht, doch haben auch sie Vergleichsnamen in Deutschland und sind deshalb als Übertragungen wahrscheinlicher.