4.2 Mischnamen
Bei jeder Massenmigration, bei der zwei Sprachen
aufeinandertreffen, ist mit Mischnamen zu rechnen. Doch während es für frühere
Wanderungen gerechtfertigt war, in Komposita aus einem Personennamen und einem
anderssprachlichen Grundwort, Bogumilsdorf etwa, als slawisch-deutsche
Hybridbildung, sofort Mischnamen zu sehen, ist ein analoges Vorgehen in
Australien heikel.
Mischnamen dokumentieren Sprachkontakt. Die Grundannahme in
eben angeführtem Beispiel ist, dass der Personenname allein zu einer Aussage
über Herkunft und Sprache des Trägers befähigt. Für das Sprachenpaar
Deutsch-Englisch im Australien des 19. Jahrhunderts kann das nicht gelten, da
hier nur ein sekundäres Kontaktgebiet vorliegt. Intensiven sprachlichen und
kulturellen Kontakt gab es bereits vorher, dementsprechend sind Personenname
mit deutscher Etymologie nicht zwingend an deutsche Sprecher gekoppelt. So
können Ortsnamen zwar auf deutsche Familiennamen hindeuten, tatsächlich aber
auf Briten zurückgehen. Der Bremer River bei Marburg beispielsweise heißt so, nach James John Gordon Bremer, aus einer englischen
Familie.[186] Lindeman Island wurde so benannt, nach George Sydney Lindeman, der 1845 in London zur Welt kam.187]
Für einen Vorort Sydneys, Heckenberg, war eine Familie namengebend, die, bevor sie nach Australien kam, mehrere Generationen in England lebte.[188]
Bei vermeintlichen Mischnamen mit Personennamen im Erstglied war daher die
Herkunft der Person zu klären. In den meisten Fällen in Queensland fand sich
der Verdacht auf deutsche Siedler jedoch bestätigt.
Deutsch-englische Mischnamen treten als Mehrwortnamen und
als Komposita auf. Muller’s Hill, Mueller Park, Vogelsang’s Corner, Bismarck
Creek, Fleischfresser Gully, Humboldt Creek, Leichhardt Range oder Blumbergville, Fischerton, Gehrkevale, Kleinton und Wolffdene wären Beispiele für Ortsnamen, bei denen eine deutsche Abstammung der dem Erstglied zugrundeliegenden Person als gesichert gelten darf.
Die Namen folgen dabei gängigen englischen
Wortbildungsregeln. Man kann deshalb davon ausgehen, dass sie von Sprechern des
Englischen gebildet wurden, also von Australiern, Siedlern, die aus dem
englischen Sprachraum zuwanderten, oder deutschen Einwanderern, die somit
Kompetenz über das Englische bewiesen. In letzterem Falle ist anzunehmen, dass
sie bereits längere Zeit Land und Sprache ausgesetzt waren.
Das längere Festhalten an der deutschen Sprache mag ein
Grund dafür sein, dass in Südaus-tralien mehr deutsche Ortsnamenkomposita
entstanden, während viele in Queensland Elemente beider Sprachen vermischten.
Sehr wenige Hybride wurden ohne die Verwendung von
Personennamen gebildet. Bei diesen ist das Grundwort deutsch.
Rocksberg ist eine solche. Als deutsche Bildung zeichnet sie nicht nur das Grundwort aus, auch das Fugens spricht dafür.
Das in deutschen Namen häufige Grundwort berg wurde
dutzendfach nach Australien importiert. Ein Heidelberg entstand bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; nach Südaustralien brachten die Deutschen
die Ortsnamen Blumberg und Grünberg und als Queensland besiedelt wurde, bekamen hier Runs Namen des selben Bildungstyps: Im
Kennedy-Distrikt gab es vor 1867 bereits Geissenberg und Sophienberg; Adelaideberg hieß ein Run im Burke Distrikt und ein Heidelberg entstand später im Distrikt
Gregory-South.[190] Dazu begegnete das
Wort inzwischen in vielen deutschen Familiennamen. Kurzum, -berg war
allgegenwärtig.
Im englischen Wortschatz gibt es das Lexem nur in einer
Entlehnung aus dem Niederländischen, iceberg. Das Grundwort bleibt dabei
unverstanden. Vom Nichtverstehen des Wortes zeugen auch wechselnde Schreibungen
von <berg> und <burg> unter den deutschen Ortsnamen. Burg, berg und
auch englisch -burgh sind unter Englischsprechern homophon und gehören
letztlich auch etymologisch zusammen. Etymologische Verwandtschaft besteht auch
zum in Ortsnamen produktiven Grundwort borough. Doch obwohl die
englischen Elemente zur Wortbildung zur Verfügung standen, fand das deutsche
Wort Eingang in den Namen der Stadt Bundaberg.
[191]
Zum Zeitpunkt der Benennung, 1867, ist die Anwesenheit deutscher Siedler
weitgehend ausgeschlossen und so bleibt der dringende Verdacht, mit dem Namen Bundaberg
liegt ein Mischname vor, der ein deutsches Grundwort und einen
Aboriginennamen vereint, und von Englischsprechern gebildet wurde.
4.3 Namenwandel und Assimilation
Über einen längeren Zeitraum unterliegen Toponyme
Veränderungen. Ganz besonders gilt das für fremdsprachlich gebildete Ortsnamen.
Die Geschichte der deutschen (wie auch die aller anderen
westlichen) Ortsnamen in Australien ist aber recht jung. Dazu wurden sie bald
nach ihrem Entstehen behördlich registriert. So sollten auch Assimilationserscheinungen
sehr gering sein. Nur wenige der Ortsnamen wurden anglisiert, bei einigen
mussten fremdartige Schriftbilder an die dominante Sprache anglichen werden.
Probleme bereiteten orthographische Symbole, die im
Englischen fehlen. Deshalb wurde <ü> etwa als <u> oder <ue>
wiedergegeben (z.B. Mueller Park, Lubeck), <o> als <oe> (Poeppel
Corner). Ebenso ist das auch für die zugrunde liegenden Familiennamen zu erwarten.
Einige Toponyme wurden übersetzt. Nur wenige kamen dafür
überhaupt in Frage, denn die Übersetzung eines Eigennamens ist nur dann
möglich, wenn er semantisch durchschaubar ist, also „verstanden“ werden kann.
Aus Oliven- und Rosenthal, Sommer- und Steinfeld wurden Olivedale, Rosedale, Summerfield und Stonefield. Bei diesen Orten Südaustraliens kann man allerdings nicht von einer allmählich
Assimilation ausgehen, vielmehr wurden sie ad hoc umbenannt, doch die
semantisch-etymologische Identität der Namen blieb gewahrt.
Beide Bethanien wurde anglisiert. Der Ort in Südaustralien heißt heute Bethany, der Vorort Brisbanes
hingegen Bethania.
Kleine Veränderungen erfuhren einige Namen allerdings, als
sie in den amtlichen Ortsnamenindex aufgenommen wurden. Es fiel schon mehrfach
auf, dass Mehrwortnamen aus Personenname ihres possessivischen Charakters uns
des Genitiv-s’ beraubt wurden. In Südaustralien verlor sogar Kronsdorf sein <s>. Auf hyperkorrektes Vorgehen deutet auch der Ortsname Schreiberhau hin, der seit 1975 auf Anraten des Tanunda District Councils als Schreiberau, ohne <h>, gelistet ist.
Seit Ortsnamen im amtlichen Gazetteer erfasst sind, ist ihre
Verwendung zwingend an die dort festgehaltenen Formen gebunden. Änderungen von
Namen sind zwar denkbar, bedürfen aber behördlicher Zustimmung. So ist mit
weiterem Namenwandel kaum zu rechnen. Die Veränderungen, denen deutsche
Ortsnamen bis zu diesem Zeitpunkt unterlagen, waren minimal - es sei denn, sie
wurden umbenannt.