4. Namenwechsel
"Wenn sich die politische Grenze zwischen zwei gleichartigen
Kulturen verschiebt, wenn Leute, die eine fremde Sprache sprechen, die Macht in
einem Gebiet übernehmen, oder wenn in einem Lande eine revolutionäre
Machtveränderung stattfindet, führt dieses häufig onomastische Konsequenzen mit
sich."[192]
Im Falle der deutschen Ortsnamen in Australien muss man wohl
eher davon sprechen, dass sich eine ideologische Grenze zwischen zwei
gleichartigen Kulturen verschob. Der Anlass für die Umbenennung so vieler
deutscher Ortsnamen in Australien war weit weg. In Europa tobte der Erste
Weltkrieg, Briten und Deutsche standen sich als Feinde gegenüber. In
Australien, das Teil des Commonwealth ist, begann man, deutsche Einwanderer
oder deren Nachkommen, die bereits lange eingebürgert waren, als gute Siedler
gelobt wurden und sich weitgehend als Australier verstanden, als Feinde im
eigenen Land zu betrachten. Soziale Ausgrenzung, gar Internierung vieler Deutschstämmiger
folgte. Ihre Ortsnamen wurden als „unaustralisch“ empfunden und dagegen, so
glaubte man, müsse etwas getan werden.
In Südaustralien gab das Parlament am 10. Januar 1918 seine
Zustimmung, die Ortsnamen mit „foreign enemy origin“ umzubenennen, die
ein fachlich qualifiziertes Komitee vorher ausfindig gemacht hatte.
Es ist unklar, wie gründlich das Komitee beim Aufspüren der
„Ortsnamen des Feindes“ vorging. Die Anzahl und Vielfalt der umbenannten Orte
deutet aber darauf hin, dass eine weitere Suche nach deutschen Ortsnamen in
Südaustralien nicht allzu viele neue Namen aufdecken würde.
Während Südaustralien seine Orte staatlich verordnet und
geballt umbenannte, geschah das in Queensland einzeln. In den Jahren 1916 und
1917 wurden insgesamt 15 Siedlungen umbenannt. Darunter sind solche, die als
besonders deutsch hervorstechen, Bismark und Teutoburg etwa. Andere, Templin, Prenzlau oder Wartburg, blieben aber verschont. Die Entscheidung über Namensänderungen kam in Queensland meist von der Post- oder Bahnbehörde. Damit
ist auch zu erklären, warum hier, anders als in Südaustralien, geografischer
Erscheinungen von der Umbenennungswelle unberührt blieben. In Queensland
wechselten nur Siedlungsnamen.
Die Eisenbahnbehörde war auch hier angehalten, verstärkt
Namen aus den Sprachen der Ureinwohner zu verwenden. Doch bei Namenwechseln im
Ersten Weltkrieg wurden in allen Staaten besonders gerne neue Namen eingesetzt,
die mit dem Anlass der Umbenennung assoziiert waren: die von Akteuren und
Schauplätzen des Krieges.
- Ewan Georg Sinclair Maclagan (Maclagan / Bismark) war ein aus Schottland stammender Brigadier-General der australischen Truppen.
- Joseph Jaques Casaire Joffre (Joffre Creek / Bismarck Creek, Western Australia) war Oberbefehlshaber der französischen Truppen bis 1916.
- Horatio Herbert Kitchener (Kitchener Park / Mueller Park, Mount Kitchener / Mount Bismarck) war britischer Kriegsminister 1914 bis 1916.
- Bei Verdun in Frankreich (Verdun / Grünthal) trugen sich blutige Kämpfe zu.
- Neuve (Bergenside) wurde von dem Ort Neuve-Chapelle an der Front in Frankreich übertragen.
- General Douglas Haig (Haigslea / Kirchheim) hatte den Oberbefehl über die britische Armee in Frankreich, u.a.m.[193]
Namen des „Feindes“ wurden durch „patriotische Namen“
ersetzt. Diese gegensätzlichen Namen wurden gezielt gewählt, in manchen Fällen
von Interessenverbänden vorgeschlagen, um nicht nur leidige Toponyme zu tilgen,
sondern auch um ein Zeichen zu setzen. Die Wahl der neuen Namen bekräftigt
einmal mehr den Versuch, einen Teil unliebsam gewordener Geschichte zu
verdrängen.
Einige der geänderten Ortsnamen wurden später wieder
eingesetzt. So hielt sich der Name Townshend für Marburg nicht einmal drei Jahre; Minden wurde ab 1930 wieder verwendet.
In Südaustralien wurden Ort durch die Anstrengungen
historisch interessierter Gruppen rückbenannt.
Doch zu Ortsnamenwechseln kam es ständig - nicht nur zur
Zeit des Ersten Weltkrieges, nicht ausschließlich bei deutschen Ortsnamen und
nicht nur aus politischen Beweggründen. So wurden z.B. auch die Namen dieser
Bahnstationen geändert: 1916 Dalrymple zu Ellinthorpe, Minkon zu
Giru; 1917 Netjar zu Nightjar und Terror’s Creek zu
Dayboro u.a.m.[194]
Blumbergville wurde 1888 durch den Namen der neuen Bahnstation verdrängt; Bethanien sollte schon 1885 umbenannt werden, Berlin in Victoria verlor seinen Namen 1875.
Auch wenn der ursprünglichen Name einer Siedlung wechselte,
kann er als Namen oder Namensteil angrenzender Örtlichkeiten noch bestehen. Leipzig Bluff auf Tasmanien blieb erhalten obwohl die Locality Leipzig selbst zu Lewis Hill umbenannt wurde; Heidelberg Park in Western Australia besteht auch heute, doch der Ort heißt lange schon Bickley.
So wurden diese Namen nicht ganz aus der australischen Toponymie getilgt.
Doch es ist mehr als wahrscheinlich, dass deutsche Ortsnamen
nicht nur verdrängt wurden, sondern selbst auch früher bestehende Toponyme
verdrängten, insbesondere Aboriginennamen.