Universität Leipzig
Deutsch-Slavische Namenforschung
-Namenberatungsstelle-
Beethovenstraße 15, 04107
Leipzig
Gutachten zu dem Familiennamen Mustermann
Allgemeines
zur Entstehung von Familiennamen
Familiennamen
haben sich in einem langen Entwicklungsprozess seit dem 12./13. Jahrhundert
herausgebildet. Vorher trugen die Menschen in der Regel nur einen Ruf- bzw.
Taufnamen. Die Entwicklung der Städte, zunehmender Handel und schriftliche
Verwaltung machten die Erfassung der Bürger in Bürgerbüchern, Steuerlisten u.
ä. erforderlich. Dies war mit Problemen verbunden, da einzelne Rufnamen sehr
beliebt und somit auch häufig vergeben wurden. So trugen z. B. im Mittelalter
in bestimmten Regionen bis zu 50-60 % der männlichen Bevölkerung den Namen Johann(es)
oder seine Kurzform Hans. Eine weitere Unterscheidung der Menschen über
den Rufnamen hinaus wurde also dringend erforderlich: ein zweiter Name. Bei der
Entstehung dieser so genannten Beinamen spielten unterschiedliche Motivationen
eine Rolle: der Name des Vaters, der Beruf, die Herkunft, die Lage des Hauses
innerhalb der Siedlung oder eine äußerliche bzw. charakterliche Auffälligkeit.
Heute unterscheidet man zwischen Familiennamen aus Rufnamen (Patronymika), aus
Berufsnamen, Herkunfts- und Wohnstättenbezeichnungen und aus Übernamen (Spitz-
oder Spottnamen). Solche Beinamen, die ursprünglich nur einer Person gegeben
wurden, konnten dann auch an die nächst folgenden Generationen weitergegeben werden
und sich somit im Laufe der Zeit zu Familiennamen verfestigen. Dabei haben sich
die Bei- bzw. Familiennamen über die Generationen hinweg teilweise sehr stark
in ihrer Aussprache und Schreibung verändert, so dass eine Deutung bei vielen
Familiennamen heute oft nicht einfach bzw. eindeutig ist.
Der Familienname Mustermann
Unter
ca. 40 Mio. Telefonteilnehmern ist der Name Mustermann 33-mal
nachzuweisen (Stand: 02/2005, Quelle: www.telefonbuch.de). Damit gehört er zu
den äußerst seltenen Namen, da ein Familienname im Durchschnitt zwischen 400
und 500 Einträge aufweist. Die nachfolgende Verbreitungskarte verdeutlicht
Häufungen des Namens um Quakenbrück und um Varel im nordwestlichen
Niedersachsen:

der Familienname Mustermann(Quelle: DT Info&Route)

Detailkarte
um Quakenbrück

Detailkarte um Varel
Es liegt nahe, dass der Familienname in diesem Gebiet entstanden ist, denn selbst
20 Generationen zwischen der Entstehungszeit der Familiennamen und heute, zwei
Weltkriege mit Vertreibungen sowie die zunehmende Mobilität des 20.
Jahrhunderts haben keine tiefgreifenden Verschiebungen zwischen dem
Entstehungsort eines Familiennamens und dem Wohnort der meisten heutigen
Namenträger bewirkt.
Um den Ursprung eines Namens weiter eingrenzen zu können, helfen oftmals Daten aus
der Familiennamendatei der amerikanischen Mormonen in Salt Lake City (www.familysearch.org). Die Auswertung der dort zu ermittelnden
167 historischen Belege von Trägern des Namens Mustermann ergibt
eine frühere Konzentration dieses Namens in Gehrde, Badbergen, Wehdel und
Umgebung, einem kleinen Gebiet also nur wenige Kilometer südlich von
Quakenbrück und nördlich von Bersenbrück.
Es ist somit von einem nordwestdeutschen Namen, sprachhistorisch gesehen von einem
niederdeutschen Namen auszugehen. Vom Niederdeutschen spricht man oberhalb
einer gedachten Linie Köln - Kassel - Magdeburg - Berlin, im Gegensatz zum
hochdeutschen Sprachraum südlich dieser Linie. Durch den immer stärker
werdenden Einfluss der hochdeutschen Sprache wurde das Niederdeutsche ab dem
17. Jahrhundert zunehmend nach Norden gedrängt und ist heute nur noch im
Mundartlichen, so z. B. im Plattdeutschen der Küstenregionen, lebendig.
Der sprachlichen Struktur nach handelt es sich bei dem Namen Mustermann
um eine mit der Endung -mann gebildete Namensform. Etwa 5,6 % der
deutschen Familiennamen enthalten dieses Suffix, es ist auslautend häufiger als
jedes andere und begegnet in allen Namengruppen (K. Kunze: dtv-Atlas Namenkunde,
München 2003, S. 69). Zum einen war es Bestandteil germanischer zweigliedriger
Rufnamen (Hermann, Hartmann) und wurde später als Kose- und
Verkleinerungssuffix an eingliedrige Rufnamen oder Kurzformen gefügt (Karlmann,
Götzmann). Zweitens diente es häufig zur Bildung von Berufsbezeichnungen
(Zimmermann, Fleischmann). Zum dritten findet es sich in
Eigenschaftsbezeichnungen wie Biedermann, Frommann. Weiterhin
konnte es zur Bildung von Herkunftsnamen verwendet werden (Köllmann aus Köln,
Neckermann vom Neckar). Am häufigsten aber ist -mann
Bestandteil von Wohnstättennamen (Bachmann, Grundmann).
Zur Bestimmung und Deutung des Namens Mustermann ist die
Interpretation seiner Basis Muster- daher maßgeblich. Dabei ist
eine Zuordnung zu drei Namengruppen möglich.
Mustermann als Berufsname
So genannte mittelbare oder indirekte Berufsnamen beziehen sich nicht auf die
Tätigkeit, sondern auf das Produkt der Arbeit, typische Werkzeuge und Kleidung
oder spezielle Waren der Händler. So erklären sich Familiennamen wie z. B. Biermann,
Weinmann, Salzmann, Hiersemann, Mehlmann und Eisenmann.
Für das Mittelniederdeutsche (die mittelalterliche Sprachstufe des Niederdeutschen)
lässt sich das Wort mustert, eine Nebenform zu mostert
in der Bedeutung "Senf, Mostrich" nachweisen (K. Schiller/A. Lübben,
Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Bd. 3, Bremen 1877, S. 125). A. Lasch/C. Borchling,
Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, Bd. II, 23. Lfg., Neumünster 1987, Sp.
1026 belegt auch eine t-lose Form in der Zusammensetzung mustersat
"Saatkörner der Senfpflanze". Die Mundartwörterbücher für den
niederdeutschen Sprachraum führen neben mostert und mustert
ebenfalls Formen ohne das auslautende -t in der Bedeutung
"Senf, Mostrich" an. So belegt das Hamburgische Wörterbuch (hg. von
B. Hennig/J. Ruge), 3. Bd., Neumünster 2004, Sp. 405 Muster, Moster
und Zusammensetzungen wie Musterkruuk, -möl,
-putt. -sooß, -tonn; R. Wossidlo/H. Teuchert,
Mecklenburgisches Wörterbuch, Bd. 4, Neumünster 1996, Sp. 1316 und das Friesische
Wörterbuch, Neumünster 2002, S. 160 die Form Muster; das
Schleswig-Holsteinische Wörterbuch (hg. von O. Mensing), 3. Bd., Neumünster
1931, Sp. 710 die Formen Muster, Muuster und das
Kompositum Musterkerl für den Senfverkäufer.
So liegt es nicht fern, im Namen Mustermann eine niederdeutsche
Berufsbezeichnung für denjenigen, der Senf(körner) bzw. Mostrich, eine mit Most
oder Essig angereicherte Würzpaste aus gemahlenen Senfkörnern, verkauft bzw.
herstellt, zu sehen; vgl. auch die Familiennamen Senf(f), Senfer
und Senfmacher zu mittelhochdeutsch senef, mittelniederdeutsch sennep
"Senf".
Ein weiterer Bezug auf eine Tätigkeit ergibt sich, wenn man eine im Niederdeutschen
(auch im Angelsächsischen, Friesischen, Niederländischen und Skandinavischen)
verbreitete Lauterscheinung in Betracht zieht: den Ausfall des Konsonanten -n-
vor -s-, vgl. hochdeutsch Gans - niederdeutsch gōse,
englisch goose, hochdeutsch uns, unser - niederdeutsch ūs,
ūse, englisch us, hochdeutsch Dunst - niederdeutsch dūst,
englisch dust (vgl. C. Sarauw, Vergleichende Lautlehre der
niederdeutschen Mundarten im Stammlande, Kopenhagen 1921, S. 357ff., V. M. Schirmunski,
Deutsche Mundartkunde, Berlin 1962, S. 381f.).
Vor diesem Hintergrund lässt sich in der Form Muster-
ebenfalls ein ursprüngliches -n- vor -s- vermuten,
womit der Name Mustermann mit den zahlreich vertretenen
Familiennamen Münstermann (1042-mal im deutschen Telefonbuch) und
Munstermann (62-mal) verbunden werden kann. Die folgenden Karten
zeigen die Verbreitung dieser Familiennamen vorrangig im west- und
nordwestdeutschen Raum:

Die Familiennamen Münstermann und Munstermann (Quelle: DT Info&Route)
Münster- und Munster-
beruhen auf althochdeutsch munistri, monastre,
mittelhochdeutsch, mittelniederdeutsch münster, munster
"Kloster, Stifts-, Bischofskirche", entlehnt aus lateinisch monasterium,
vulgärlateinisch monisterium "Kloster". Das
Altnordische, die Vorstufe der skandinavischen Sprachen, zeigt in seinen
Entlehnungen mustari, musteri, mysteri den n-Ausfall
sehr deutlich (vgl. F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache,
Berlin 1999, S. 575, W. Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
Berlin 1989, S. 1138). In den historischen Belegen für den belgischen
(flämischen) Ortsnamen Nieumunster in Westflandern (1214 Niemonstra)
ist der n-Ausfall ebenfalls zu beobachten: 1359 nieumuester, 1421
Niemuester (K. de Flou: Woordenboek der Toponymie van Westelijk Vlaanderen...,
Bd. 11, Brügge 1930, Sp. 416ff.). Auf diese Lauterscheinung stützt sich auch F.
Debrabandere: Verklarend woordenboek van de familienamen in Belgie & Noord-Frankrijk,
Bd. 2, Brüssel 1993, S. 1008, wenn er die Familiennamen Munsterman(n),
Münstermann, Musterman und Moestermans
in einem Eintrag zusammenfügt. Zu seiner Deutung aber später.
Das
Deutsche Rechtswörterbuch (Online-Version unter
www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cd2/drw/frameset.htm) führt unter dem Eintrag Münstermann
zwei Belege (Mitte 11. Jahrhundert mynster-man, 1361 munstirman)
auf, die das Wort als Berufsbezeichnung, als "Kirchendiener in einem
Münster", auch "Mönch", erklären. Dabei wird auf Münsterknecht
in gleicher Bedeutung verwiesen. Ähnliche Bildungen sind Münstermesner
und Münsterherr. Die Namen Münstermann, Munstermann
und auch Mustermann können somit als Berufsnamen vorrangig für
einen kirchlichen Angestellten gedeutet werden, vgl. auch die Familiennamen Klostermann
(ca. 1620-mal), Kirchmann (ca. 780-mal).
Im oben eingegrenzten Herkunftsgebiet des Familiennamens Mustermann
könnten sowohl die Stiftskirche St. Sylvester in Quakenbrück, das
Zisterzienserinnenkloster St. Marien in Bersenbrück und die Pfarr- und
Stiftskirche St. Georg in Badbergen als Bezugspunkt und
"Arbeitsplatz" in Frage kommen.
Mustermann als Wohnstättennname
Die Namen Münstermann, Munstermann und Mustermann
können jedoch auch Wohnstättennamen sein, die sich auf den konkreten Wohnplatz
des ersten Namensträgers beziehen. Im nordwestdeutschen Raum gehören die
meisten mit -mann gebildeten Familiennamen dieser Gruppe an.
Motivation für die Namengebung ist in dem Fall nicht die Arbeit für eine
Kloster- oder Stiftskirche, sondern der Wohnort an einer solchen. Auch die oben
erwähnten Familiennamen Klostermann und Kirchmann sind als
Wohnstättennamen interpretierbar; der so Benannte ist der, "der beim
Münster, beim Kloster, bei der Kirche wohnt".
Mustermann als Herkunftsname
Ebenso nahe liegt die Deutung der Namen Münstermann, Munstermann
und Mustermann als Herkunftsnamen, denen ein Ortsname zugrunde
liegt. Der so Benannte ist "der aus dem Ort Münster/Munster
Kommende". Das schon erwähnte Werk von F. Debrabandere: Verklarend woordenboek
van de familienamen in Belgie & Noord-Frankrijk, Bd. 2, Brüssel 1993, S.
1008 verbindet die Familiennamen Munsterman(n), Münstermann,
Musterman und Moestermans mit (van) Munster,
Munster(s), Musters und Münster und
erklärt sie als Herkunftsnamen zum niederländischen Ortsnamen Munster
oder zu den deutschen Ortsnamen Münster.
In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Elsass, Hessen, Bayern,
Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gibt es zahlreiche Orte dieses Namens.
Für das nordwestdeutsche Gebiet kommen davon nur wenige in Frage. Zwar
entstehen Herkunftsnamen außerhalb des betreffenden Ortes, jedoch meist im
näheren Umfeld. In Betracht zu ziehen sind Munster im Kr.
Soltau-Fallingbostel, für das leider keine historischen Belege verfügbar sind,
die Kreisfreie Stadt Münster in Westfalen (1086 Monasterium,
1173 Munstre; vgl. D. Berger, Duden - Geographische Namen in
Deutschland, Mannheim u. a. 1993, S. 190) und Marienmünster, Kr.
Höxter, das bis ins 14. Jahrhundert ohne den Namenszusatz Marien-
bezeugt ist (1128 Monasterium, 1324 Munster; vgl. H. Jellinghaus,
Die westfälischen Ortsnamen nach ihren Grundwörtern, Osnabrück 1923, S. 142) in
Frage. Sie beruhen (für den Ortsnamen Munster ist dies nur zu
vermuten, aber sehr wahrscheinlich) auf lateinisch monasterium, mnd.
münster, munster "Kloster-, Stifts-,
Bischofskirche".
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