22.Apr.2015

Golightly und Hotzenplotz - Namen in Romanen

Literarische Namen

Wenn Eltern einen Namen wählen, können sie nur Mutmaßungen darüber anstellen, ob die kleine Lilly als erwachsene Frau heiter und immer noch ein bisschen süß sein wird, so wie es zum verspielten Klang des Namen passt. Es gibt auch keine Garantie, dass aus dem Säugling Alexander einmal ein breitschultriger, energischer Mann wird, der an Alexander den Großen erinnert. Romanautoren haben dieses Problem nicht. Sie wissen, welches Bild von ihren Helden sie vermitteln wollen.

Dennoch, es ist keine einfache Aufgabe, stimmige Namen für die Haupt- und Nebenfiguren eines Romans zu finden. Denn der Name sollte nicht nur im Hinblick auf die Charaktereigenschaften und das Äußere der literarischen Figur passen, auch was das Alter, die soziale und regionale Herkunft betrifft, haben Namen Signalwirkung.

Denken Sie einmal an die Protagonisten und Antagonisten des letzten Romans, den Sie gelesen haben. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie aus dem Namen einer oder mehrerer Romanfiguren einen Teil der Hintergrundgeschichte und/oder der Charaktereigenschaften der betreffenden Figur schließen konnten, bevor Sie im Text die entsprechenden Informationen erhielten.

Dabei geht es nur am Rande um die denotative, also die feststehende, unveränderliche Bedeutung eines Namens. Diese ist im Laufe der Zeit bei den meisten Vornamen verloren gegangen. Wer weiß schon, dass der beliebte Mädchenname Melanie aus dem Griechischen stammt und „die Schwarze“ bedeutet? Oder dass der verbreitete Name Justus seinen Ursprung im lateinischen Wort iustus hat, was „gerecht“ heißt? Stattdessen haben sich viele Namen im Laufe der Zeit mit konnotativen Bedeutungen aufgeladen. In ihnen schwingen, meistens völlig unabhängig von der denotativen Bedeutung, Informationen mit, die wir bewusst oder unbewusst erfassen, wenn wir einen Namen hören oder lesen.

Fundgrube Buddenbrooks 

Ein anerkannte Meister der Namensgebung von Romanfiguren ist Thomas Mann. Die Namen in Manns Gesellschaftsroman „Buddenbrooks“ zeigen deutlich, dass der Autor sowohl die klassenspezifische Signalwirkung bestimmter Namen beachtete als auch die Tatsache, dass bereits im 19. Jahrhundert Namensmoden existierten.

So trägt der Patriarch der Familie den Namen "Jean Buddenbrook", was der Tatsache geschuldet ist, dass in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts frankophile Namen in Mode waren. Die Nachkommen von Jean heißen "Johann", da zum Zeitpunkt ihrer Geburt wieder die deutsche Namensvariante üblich war.
Außerdem war Thomas Mann offensichtlich bewusst, dass auch im 19. Jahrhundert klassenspezifische Namen existierten. Dem Wortführer der Rebellen der 1848er Lübecker Revolution gab Mann den Namen "Corl Smolt". Sowohl die niederdeutsche Form als auch die Bedeutung des Nachnamens – Smolt für Schmalz – weißt den Revolutionär als Mitglied der Unterschicht aus. Auf der Gegenseite tritt der Senator "Leberecht Kröger" den Rebellen entgegen. Betrachtet man die typischen Namen der Mitglieder unterschiedlicher Gesellschaftsschichten jener Zeit, deuten bereits Krögers Vor- und Nachname darauf hin, dass er der Sohn wohlhabender Eltern ist. Zudem ist "Leberecht" einer der in der Literatur verbreiteten "sprechenden Namen", durch die auf das innere Wesen oder auf äußere Merkmale der Figur hingewiesen wird. Dabei kann die Anspielung wie bei "Leberecht" offensichtlich sein oder aber sehr subtil und demnach von den Lesern mehr oder weniger große Anstrengungen bei der Interpretation verlangen.

Klang macht den Charakter 

Ein bekanntes Beispiel für einen sprechenden Namen ist „Holly Golightly“, die Protagonistin aus Truman Capotes unter dem gleichen Titel verfilmter Novelle „Frühstück bei Tiffany“. Der Vorname Holly heißt seiner denotativen Bedeutung nach „Stechpalme“. Da die Pflanze im angelsächsischen Sprachraum als Weihnachtsschmuck verwendet wird, ist der Name in dieser Hinsicht positiv besetzt. Dennoch dürfte die denotative Bedeutung bei der Wahl des Autors nicht entscheidend gewesen sein. Holly klingt für die meisten Menschen heiter und verspielt. Dieser Klang ist es, der die leichtlebige, ein bisschen unmoralische Heldin charakterisiert. Zusätzlich wird Holly sehr offensichtlich durch ihren Nachnamen „Golightly“ gekennzeichnet, der frei übersetzt „Nimm’s leicht“ bedeutet.

Besonders in Kinderbüchern sind sprechende Namen verbreitet. So vermittelt der Name von Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ lautmalerisch das Bild des tollpatschigen, letztlich harmlosen Banditen, der durch den Wald stapft.

Brüche können ein Hinweis sein

Eine Möglichkeit der Charakterisierung ist auch die bewusste Wahl eines Namens, der nicht stimmig ist. Auf diese Weise entsteht ein Bruch, der die Leser irritiert und zu einer Interpretation herausfordert. Sehr offensichtlich ist dies bei einem streitsüchtigen alten Mann namens "Friedbert" oder einer leichtlebigen Heldin mit dem grundsolide wirkenden Namen "Anna". Solche Brüche können auch wesentlich subtiler als in den obigen Beispielen gestaltet werden.

Ein Vorname, der nicht zur Herkunftsfamilie der Romanfigur passt, kann darauf hindeuten, dass diese Figur durch bestimmte Eigenschaften „fremd“ in der Familie ist. Möglicherweise weist ein unpassender Name auch auf eine Information hin, die erst im Lauf des Romans enthüllt wird. Der Namensträger entstammt vielleicht einem Seitensprung der Mutter. Oder die zwanzigjährige Heldin mit dem altmodischen Namen Adele wurde nach einer Urgroßmutter benannt, deren Schicksal sich noch in der Gegenwart auf die junge Frau auswirkt

Und dann gibt es noch die höchst persönliche Reaktion von Lesern und Leserinnen auf bestimmte Namen, die Autoren kaum vorhersehen können. Eine befreundete Autorin von Unterhaltungsromanen berichtet, sie höre gelegentlich von Lesern, dass diese allein wegen des Namens Probleme mit der Hauptfigur haben, und zwar weil sie eine oder mehrere Personen gleichen Namens kennen, die sie unsympathisch finden. Manche Leser stören sich auch massiv daran, dass eine der Romanfiguren ihren eigenen Namen trägt, obwohl sie sich mit den Handlungen und Gedanken der Figur nicht identifizieren können. Diese rein persönliche und sehr emotionale Reaktion auf bestimmte Namen könnten Autoren nur vermeiden, indem sie besonders seltene Vornamen für ihre Protagonisten wählen – was wiederum eine Signalwirkung im Hinblick auf die soziale und/oder regionale Herkunft hätte. Deshalb hat die betreffende Autorin beschlossen, dass sie und ihre Leser mit diesem speziellen Problem eben leben müssen. Schließlich gibt es bei der Benennung von Romanfiguren auch so schon genug zu beachten ...