Punga-Kronberg

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User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
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Hallo miteinander,

wer hat Kenntnisse über Namensentwicklung in Kurland/Lettland?

Im Rahmen der Familienforschung bin ich auf eine sehr eigenartige Entwicklung eines Namens unserer Familie gestoßen, deren Erklärung ich nach Möglichkeit suche.

All unsere Vorfahren sind in den alten lettischen Kirchenbüchern unter Punge bzw. Punga verzeichnet. So auch mein Urgroßvater. In seiner Taufurkunde steht aber nicht nur Punga (wie im KB), sondern "Punga (al. Kronberg)" für ihn und seinen Vater. Wie ein lettischer Knecht zu einem alias-Namen kommt, ist mein erstes Fragezeichen :?: .

Später hat er eine Frau aus der deutschen Gemeinde geheiratet und wechselte somit von der lettischen zur deutschen Nationalität. So wurde aus Jannis Punga (al. Kronberg) - Johannes Kronberg. All seine Kinder und deren Kinder liefen laut Kirchenbuch nur noch unter Kronberg. Meine beiden ältesten Brüder wurden jedoch in den 40er Jahren in Lettland als Punga-Kronberg getauft. Woher da das Punga wieder kam, weiß niemand :?: .

Noch besser wurde es, als ich alte Postkarten (1939 - 1942) gefunden habe, auf denen mein Vater nur noch mit Punga angeschrieben war :?: , da war dann das Kronberg wiederum weg.

Nach der Flucht nach Deutschland laufen dann wieder alle Unterlagen auf Kronberg, was nachvollziehbar ist.

Ich wäre dankbar, wenn mir jemand helfen könnte, Licht ins Dunkel dieser Entwicklung zu bringen, da die heute noch lebenden Familienmitglieder nur unwissend mit den Schultern zucken.

User offline. Last seen 7 Jahre 15 Wochen ago. Offline
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Hallo!

Der Beitrag liegt schon etwas weiter zurück, so daß ich ihn mit einer Antwort wieder nach vorne hole.

Ich klatsch mal an Beate ab, die Dir sicherlich mehr dazu sagen kann, als ich.

Dinomaus28 :lol:

User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
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Ja Hallo,

nachdem jetzt so lange keine Reaktion kam, bin ich ja richtig überrascht und um so mehr gespannt, ob es wirklich jemanden gibt, der mir bei der Suche weiterhelfen kann.

:clap:

warte, warte...

Ciao, Heinz

User offline. Last seen 7 Jahre 15 Wochen ago. Offline
Experte!Moderator
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Hallo nochmal!

Nachdem Du so gespannt wartest, zum zeitvertreib die allg. Bedeutung von Vulgonamen (genannt, alias, etc.), so wie es im deutschen üblich ist und eigentlich auch in der von Dir genannten Region üblich sein sollte.

http://de.wikipedia.org/wiki/Genanntname

Laß Dir das aber von Beate nochmal in Bezug auf die Region erklären, nicht daß es dort anders üblich ist. :lol: :wink:

Dinomaus28

User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
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Hallo "alias Dinomaus" :lol: (passt ja direkt zum Thema!!)

vielen Dank für den Link. Ich hatte ihn vor längerer Zeit schon gefunden. Ich kenne auch die beiden "gängigen" alias-Varianten:
- Vater eines unehelichen Kindes oder
- partronymische Namensgebung im weitesten Sinne.

Direkt patronymisch ist nicht mehr, da in Lettland die Leibeigenschaft 1811 abgeschafft wurde.

Die erste Variante kann ich ausschließen, da in der Taufurkunde der Vater mit Pehter Punga (alias Kronberg) genannt ist. Im Übrigen ist im KB nur der Name Punga notiert, ohne den al..

Bei der zweiten Variante, d.h. wenn es sich auf ein Gesinde oder einen Hof bezieht, müßte es eigentlich irgendwie nochmal im KB auftauchen, was aber nicht der Fall ist. Ich konnte bis 1791 zurück gehen. Bis ca. 1820 wurde auch die Gesindezugehörigkeit in den KB's mit notiert, aber auch dabei taucht der Name Kronberg nicht auf. Im Gegensatz zu dem kleinen Dörfchen, aus dem meine Familie kommt, gab es in der benachbarten Stadt Libau (ca. 25 km entfernt) ab ca. 1830 mindestens 2, vielleicht sogar 3 Familien mit dem Namen Kronberg. Die eine Kronberg-Linie kommt aus Riga und die zweite aus einem kleinen Städtchen im zentralen Lettland. Bei der dritten bin ich mir noch nicht sicher, weil da noch Lücken sind. Mein Altvater mischte sich mit seiner Familie ab ca. 1880 dann in Libau mit dazu. Ich habe auch die benachbarten Gemeinden abgesucht, aber ohne Erfolg. Nur in Libau selbst bin ich 1872 auf einen anderen (al. Kronberg) gestoßen, der aber nicht nachverfolgbar ist, da weitere Angaben fehlten.

Jetzt noch einige Details, die vielleicht hilfreich sein könnten:
- das älteste Dokument, in dem Kronberg zu finden ist, ist die Taufbescheinigung von Jannis Punga, die sich auf die Taufe 1844 bezieht und in dem Sohn und Vater mit dem Familiennamen Punga (al. Kronberg) bezeichnet werden. Die Urkunde ist jedoch erst 1892 in der Geburtsgemeinde von Jannis ausgestellt worden.
- im Kirchenbuch von 1844 steht aber nur Punga bzw. Pungas (im lettischen wird als maskulines Merkmal ein "s" angehängt)
- alle anderen Vorfahren und Familienmitglieder werden unter Punga bzw. Punge geführt.
- dieser Jannis Punga heiratete dann eine Frau aus deutscher und wohl für damalige Verhältnisse recht wohlhabenden Familie. Die Hochzeit fand bezeichnender Weise bei den Brauteltern statt, da die Eltern des Bräutigams lettische Knechte waren.
- das erste Kind aus der Ehe von Jannis Punga wird noch als Kind im lettischen Teil des KB's geführt.
- alle Kinder danach erscheinen im deutschen Teil des KB und tragen den Namen Kronberg, d.h. daß die gesamte Familie in die deutsche Gemeinde integriert wird, obwohl damals der Status des Familienoberhauptes entscheidend für die gesamte Familie war.

Daß die Kinder von Jannis nach und nach den Namen Punga in den Kirchenbüchern verloren haben, kann etwas mit der Distanzierung zu den eigentlich lettischen Wurzeln zu tun haben - man wollte nichts lettisches mehr tragen! Heute weiß ich, daß jedoch in vielen Geburtsurkunden bzw. Taufscheinen Punga-Kronberg gestanden haben muß, da viele unserer Familie diesen Namen im Nachgang wieder annehmen mußten.

Die Episode, daß in den 40er Jahren in meiner Familie der Name Kronberg wieder verschwand und nur noch der Name Punga geführt wurde, hat wahrscheinlich einen ähnlichen Hintergrund. Nachdem 1918 Lettland sich als souveräner Staat ausgerufen hatte, endete die Zeit der deutschen Elite in Lettland. Sie waren zwar noch geduldet, aber die Uhren tickten nun lettisch! Dies spitzte sich Ende der 30er Jahre zu. 1939 war dann im Herbst die erste Ausbürgerungswelle. Richtig extrem wurde es wohl nach der sowjetischen Annexion des Baltikums. Infolgedessen wurden alle Deutsche, Juden und Polen enteignet. Es gab im Frühjahr 1941 letztmalig eine offizielle Möglichkeit der Ausreise ins damalige Deutsche Reich, was die meisten genutzt hatten. Zu dieser Zeit war natürlich alles Deutsche schwer belastend und ich denke, daß dies der Grund war, warum die gesamte Familie zu dieser Zeit nur unter dem lettischen Namen Punga lief.

Soweit erst einmal die Details, die ich bisher herausgefunden habe.

Beste Grüße aus Weimar, Heinz

User offline. Last seen 7 Jahre 15 Wochen ago. Offline
Experte!Moderator
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Hallo Heinz!

Das ist eine äußerst interessante Geschichte, auch daß drum herum macht es sehr spannend.

Ich hätte da nur noch eine Idee. Soweit ich gelesen habe, taucht in der Geburtsurkunde das erste mal Punga al. Kronberg auf und erinnerte mich daran, daß es viell. auch möglich sein könnte, daß es eine Adoption gab. Die weiteren Generationen könnten dann den Namen Punga - Kronberg fortgeführt haben.

Dinomaus28 :roll:

PS: Ich hoffe Beate meldet sich bald mal bei Dir. :wink:

User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
Beigetreten: 13.01.2008
Beiträge: 10

Hallo Dinomaus,

Adoption - leider Fehlanzeige, weil Pehter Punga (*1814) mit seiner Frau Magrüta nach Jannis noch andere Kinder bekommt. Sterbebedatum von Pehter ist 1870. Aber er taucht später noch als Pate bei den Enkeln seiner Kinder aus erster Ehe auf.

Außerdem wird dem Vater Pehter selbst auch der Name Punga (al.Kronberg) in der Urkunde zu 1844 gegeben. In den KB's kommt der Name erstmalig nach 1870 vor.

Beigetreten: 29.01.2006
Beiträge: 1833

Hallo,
ich hab mich gewundert, warum nach mir gerufen wurde, denn ich hatte beim Überfliegen völlig übersehen, dass es sich um Lettland handelt.

Leider finde ich im Lettischen keinen passenden Begriff, aber im Nehrungs-Kurischen habe ich "pungil" (Bündel) und "pungul" (Gepäck). Möglicherweise ein wandernder Händler oder wandernder Erntehelfer.

Hier im lettischen Telefonbuch findest du Namenträger:
http://www.1188.lv/personu_katalogs/

Zum Namenwechsel:
Es gibt einen Ort Kronenberg in der Gemeinde Segewold im Kreis Riga (lettisch: Lorupe pagasts Siguldas) und eine Kronenberger Schlucht ebenda, auch Loreschlucht genannt (lettisch Lorupes gravis; also eine Vertiefung, in der der Lore-Fluss fließt).

Der deutsche Ortsname Kronenberg dürfte auf einen Ortsgründer namens Kronenberg zurückgehen. Ich denke mir, dass der Punga den Ort gewechselt hat und ab dann nach seiner Herkunft Kronenberg benannt wurde. Vielleicht war es mit einer deutschen Frau günstiger einen deutschen Namen zu haben. Kenne ich aus Ostpreußen, dass baltische Namen ins Deutsche übersetzt oder anders wie verschleiert wurden. Das war der Karriere dienlicher.

Beate

User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
Beigetreten: 13.01.2008
Beiträge: 10

Hallo Beate, :clap:

das sind ja eine Menge neuer und interessanter Aspekte, die ich so noch nicht kannte. Inwieweit sie wirklich zutreffend sind, darüber können wir leider nur spekulieren.

Nachdem ich einen Teil der Libauer Kirchenbücher durchforstet habe, weiß heute, daß es in Libau mindestens 3 voneinander unabhängige Kronberg-Familien gab. Eine Libauer Kronberg-Linie (die nichts mit Punga-Kronberg zu tun hat!) stammt aus Riga und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit den von Dir genannten Namenshintergrund. Eine weitere von Punga-Kronberg und der "Rigaer Kronberg-Linie" unabhängige Kronberg-Familie stammt aus Blieden und ist ca. 1850 nach Libau gekommen.

Wenn ich davon ausgehe, daß schon 1844 neben dem Namen Punga [wie er im KB notiert ist] der Name Punga (al. Kronberg) [Taufschein] existiert hat, ist es spekulativ, wieviel Generationen zurück sich diese Paralellität zieht. Ausgehend von Jannis Punga (al.Kronberg)[Taufschein]=Jannis Punga [KB]=Johannis Kronberg [spätere Kirchenbücher]. habe ich folgende Vorfahren gefunden:
- sein Vater war Pehter Punga [*1812 KB]=Pehter Punga (al. Kronberg) [Nennung als Vater seines 1844 getauften Sohnes, nachträglich 1892 ausgestellt]
- sein Großvater war Pridrik Punge [*ca.1770 KB] und
- sein Urgroßvater war Pridrikk Punge [ca. 1740 KB].

Vater, Großvater und Urgroßvater waren lettische Knechte und auf Grund der Zeit wahrscheinlich auch Leibeigene, denn es sind in den KB's jeweils die Gesinde eingetragen, in denen sie gelebt und gearbeitet haben. Vor dem Hintergrund erscheint mir eine "Einwanderung aus Riga" eher unwahrscheinlich, obwohl sie auch nicht auszuschließen ist. Es erscheint mir auch unwahrscheinlich, daß bei 48 Personen (Nachfahren von Priddrikk Punge bis in die Generation von Jannis Punga) diese Namensparallelität geherrscht haben soll, ohne daß sie ihren Niederschlag im KB gefunden hat. Aber wieso und warum es doch passiert ist :?: :?: :?:

Vielen Dank auch für den Tip mit dem lettischen Telefonbuch. Da habe ich gesehen, daß es tatsächlich noch einen Punga in dem kleinen Dorf gibt, aus dem meine Familie stammt. Leider bin ich dem Lettischen überhaupt nicht mächtig, so daß die Texte sich mir nicht wirklich erschließen. So steht unter Punga Laimonis aus Priekule:
- Tālrunis: Ir pieejams
- Adrese: Ir pieejams
- Pasta indekss: Ir pieejams
- Šī informācija pieejama tikai reģistrētiem lietotājiem

Wobei die letzte Zeile ein link ist, die auf eine Seite leitet, wo ich eine Telefonnummer und ein Paßwort eingeben soll. .. und da ist halt Schluß für mich, da ich weder eine solche Nummer und erst recht nicht das passende Passwort dazu habe.

Beigetreten: 29.01.2006
Beiträge: 1833

Hallo,
zumindest lebten sie im deutschen Umfeld und gaben ihren Kindern "moderne" deutsche Vornamen. Pridrik ist die baltische Aussprache für Friedrich.

Priekule (dt. Preekuln) ist eine Gemeinde im Kreis Libau. Soweit ich es verstehe, sind seine Daten versteckt und vermutlich nach Anmeldung mit Passwort abrufbar.

Beate

User offline. Last seen 7 Jahre 6 Wochen ago. Offline
Beigetreten: 13.01.2008
Beiträge: 10

Hallo Beate,

ja,einer der lettischen Familie Punga, bzw. Punge, wie sie früher hießen, nämlich mein Urgroßvater Jannis, hat es geschafft, durch Heirat einer deutschen Frau in die deutsche Gemeinde zu konvertieren. Dadurch bekamen seine 8 Kinder auch wie Du sagst "moderne" Namen. Die anderen Zweige der Familie blieben ihren lettischen Wurzeln treu.

Aber eine andere Frage an der Stelle an Dich als Expertin:
Wie werden denn eigentlich nun die Namen korrekt geführt, da ja zu einigen Zeiten das sog. lettische "s" an die maskulinen Namen angefügt wurde. So habe ich z.B. einen Janne Punge (Eintrag im Geburts- und im Heiratsregister) und einen Jannis Pungas (Eintrag als Vater im Geburtsregister) als identische Person. Gibt es dazu irgendeine Regelung, welche Namensversion primär und welche secundär ist, oder so??

Preekuln ist mir übrigens recht bekannt, da dies das Dörfchen ist, aus dem meine Familie ursprünglich (soweit ich es nachverfolgen kann) stammt.

Hast Du eigentlich eine Ahnung, ob es (in Lettland) noch ältere Kirchenbücher als die gibt, die bei www.raduraksti eingestellt sind?